#1 Marke <h1-red-light>ARD:<h1-red-light> Wie Vielfalt und Einheit zusammenspielen – mit Michael Gentsch
Wie führt man erfolgreich das wahrscheinlich komplexeste Medienmarken-Portfolio Deutschlands? In dieser Folge spricht ARD‑Markenboard‑Leiter Michael Gentsch über Selbstähnlichkeit statt Selbstverleugnung, Programmmarken statt Dachmarke, KI als Fluch und Segen und warum analoge Erlebnisse für Medienmarken gerade wieder wichtiger werden.
Medienmarken Inside x Michael Gentsch

In der Leitung des ARD-Markenboards arbeitet der Amateur-Triathlet und bekennende Medienjunkie an einem der komplexesten Medienmarkenportfolios Deutschlands. Hier verantwortet er das strategische Markenmanagement innerhalb der ARD. Zuvor war er über ein Jahrzehnt Marketingchef des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR).
Ausgangspunkt des Gesprächs ist die Frage, was eine starke Medienmarke ausmacht, wenn lineare Fixpunkte wie die Tagesschau um 20 Uhr verschwinden und sich Menschen ihr individuelles 24/7-Medienpaket zusammenstellen. Michael Gentsch sieht Selbstähnlichkeit als einen Schlüssel: Medienmarken müssen sich ständig neu erfinden und gleichzeitig verlässliche Gewohnheiten und Qualität bieten. Er zeichnet die Besonderheiten des öffentlich-rechtlichen „Betriebssystems“ nach – Gemeinwohlorientierung statt Ertragslogik, regulatorische Vorgaben bei Produkt, Preis und Distribution sowie begrenzte Kommunikationsbudgets im Vergleich zu Plattformanbietern.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Rolle von Programmmarken: Die stärkste Bindung besteht laut Gentsch auf Programmebene. Deshalb nutzen ARD und Landesrundfunkanstalten ihre Dachmarken eher als Endorsement, um Legitimation und Absenderklarheit zu sichern, ohne die programmliche Vielfalt in einer einzigen Marke zu verwässern.
Mit Blick auf KI skizziert Gentsch Chancen und Risiken: ARD-Marken können sich als verlässliche Quellen im Wettbewerb mit KI-Agenten positionieren und KI für sich zur Effizienzsteigerung nutzen. Gleichzeitig verschärfen z.B. KI-Halluzinationen den Druck auf seriöse Medienmarken, wenn diese fälschlicherweise als Quellen zitiert werden. Als eine Reaktion erwartet er die Renaissance von Events, klassischer Out-of-Home-Werbung und haptischer Kommunikation. Diese schaffen für immaterielle Medienmarken unmittelbare, analoge Markenerlebnisse und laden digitale Touchpoints positiv auf.
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Themenübersicht:
- Erfolgsfaktor von Medienmarken: jeden Tag neu sein und dennoch vertraut bleiben – Selbstähnlichkeit als Prinzip
- Bindung entsteht über Formate: die ARD als Absender- und Vertrauensmarke
- Wie das ARD‑Markenboard Programmvielfalt und stringente Markenführung systematisch zusammenbringt
- Föderale Markenführung: Balance zwischen Regionalität und gemeinsamer Markenorientierung
- KI als Chance und Risiko: Effizienzgewinn, neue Wettbewerbsdynamiken und steigende Anforderungen an Markenvertrauen
- Renaissance von Events, Out‑of‑Home und haptischer Kommunikation als analoge Abkürzung zur Marke
Martin Busch: Medienmarken Inside, ein Podcast von Martin Busch und Brandmeyer Markenberatung. Heute Michael Gentsch, Leiter ARD Markenbord.
Morgens die Hansawelle von Radio Bremen und abends die Sesamstraße. Das waren neben dem Weserkurier mediale Fixpunkte in meiner Kindheit, öffentlich-rechtliche Fixpunkte. Und natürlich klingelte zwischen 20 Uhr und 20.15 Uhr auch nie das Telefon, weil ja alle Erwachsenen Tagesschau guckten. Diese feste Struktur ist passé. Heute bastelt sich quasi jeder seine persönliche, individuelle, tägliche mediale Begleitung. Das heißt täglich 24/7. Und doch wollen die Menschen auch in diesem Lebensbereich wiederkehrende Sinneseindrücke, Gewohnheiten. Mein Gast ist für das vielleicht komplexeste Medienmarkenportfolio Deutschlands zuständig als Leiter des ARD-Markenbords. Herzlich willkommen Michael Gentsch.
Michael Gentsch: Vielen Dank für die Einladung!
Martin Busch: Hallo Michael, woran erkennt man deiner Meinung nach eine starke Medienmarke?
Michael Gentsch: Ja, also du hast in deiner Einleitung ja auf einen ganz wichtigen Aspekt hingewiesen, dass Medienmarken sich ständig verändern müssen. Eigentlich jeden Tag neue Inhalte bieten, jeden Tag Interesse wecken, jeden Tag neugierig machen, jeden Tag anders sein. Und gleichzeitig sind Marken eigentlich etwas, was Vertrautheit erzeugen soll, was Gewohnheit bedeutet, eine gleichbleibende Qualität. Und eine Medienmarke muss erstmal grundsätzlich genau diesen Balanceakt schaffen, muss es also wirklich schaffen, sich jeden Tag selbstähnlich neu zu erfinden. Dann würde ich erstmal überhaupt von dem Markencharakter sprechen und nicht einfach nur von Angeboten. Eine starke Medienmarke, die schafft es aus meiner Sicht darüber hinaus, dass sie sich von ihrem originären Format, von ihrem originären Kanal lösen kann, dass sie also so eine starke Identität hat, dass es möglich ist, auf die ständig neuen Kanäle und Anforderungen, die durch die Digitalisierung auf die Medien zukommen, zu reagieren und sich zu dehnen oder zu längern in neue Kanäle hinein, neue Formate, ohne sich dabei sozusagen selbst zu verleugnen. Also sich treu zu bleiben, auch wenn sie gar nicht mehr die Zeitung von früher ist oder das schöne Beispiel von dir, 20.15 Uhr ausgestrahlt wird. Ja, es war über viele Jahre das Distinctive Brand Asset der Tagesschau: 20.00 Uhr bis 20.15 Uhr. Dieser Slot, das ist aber nicht mehr das, was die Tagesschau heute ausmacht und trotzdem, weil sie eben eine starke Medienmarke ist, schafft sie es auch in völlig neuen Konstellationen, die teilweise ja sogar nach einer gegenteiligen Logik funktionieren, wie zum Beispiel eben Social Media, erfolgreich zu sein. Und dann sind es starke Marken, wenn sie das schaffen, ja, da wo sie herkommen, sozusagen das zu transferieren in die neuen Kanäle und dabei aber sich trotzdem ähnlich zu bleiben.
Martin Busch: Ja, selbstähnlich, du hast es gesagt, Selbstähnlichkeit, ein ganz wichtiges Kriterium. Ich glaube, Klaus Brandmeyer hat mal irgendwo geschrieben, dass auch da dieses 80-20-Verhältnis gilt. 80 Prozent Kontinuität, 20 Prozent Veränderung – ist aber auch schon ein paar Jahre her. Ich habe es gesagt, die Zeiten, in denen man alleine war auf dem Markt als öffentlich-rechtlicher Anbieter, die sind lange vorbei. Und von wegen jeder schnürt sich sein eigenes Content-Paket: Der aktuelle ARD-Vorsitzende Florian Hager spricht vom Ende der Massenmedien.
In trimedialen Zeiten kümmert sich mit dir ein Triathlet um die Markenführung der ARD. Siehst du in dieser privaten Leidenschaft einen Vorteil für deinen anspruchsvollen Job?
Michael Gentsch: Das ist schwierig. Also ich habe vor 30 Jahren mit Triathlon angefangen und erst vor 25 Jahren mit Arbeiten. Insofern kann ich das gar nicht so genau beantworten, ob sich daraus jetzt ein Vorteil ergeben hat. Sicherlich gibt es einige Dinge, die man als Triathlet lernt, Geduld, Gelassenheit, auch der Umgang mit knappen Ressourcen, auch Hartnäckigkeit, das hilft sicherlich. Ich weiß aber gar nicht, ob da nicht auch andere Ausdauersportarten ähnlich geeignet wären.
Und ich stelle auch immer gerne die Frage andersherum. Also was bringt mir eigentlich die Arbeit für dieses Leben, indem auch Triathlon eine große Rolle spielt? Projektmanagement, weil letztendlich so ein Wettkampf, auf dem man sich ein Dreivierteljahr vorbereitet, wie ein Ironman, ist natürlich auch ein Projekt und hat auch viele Stakeholder und hat auch knappe Ressourcen. Und ich mag es gar nicht so sehr, die Frage zu stellen, was kann man noch in seiner Freizeit machen, um auf Arbeit noch besser zu performen, sondern ich drehe das auch gerne mal um und sage, was lernt man eigentlich auf Arbeit, um die Dinge, die man in seiner Freizeit, in seinem sonstigen Leben gerne macht, vielleicht auch noch ein bisschen besser zu machen.
Martin Busch: Das ARD-Markenbord gibt es seit Anfang 2024. Wie muss man sich die Arbeit vorstellen? Ist das mehr eine Verwaltungs- oder doch eine Gestaltungsaufgabe?
Michael Gentsch: Also Verwaltung ist ja so ein sehr negativ besetzter Begriff. Ich würde eher sagen, wir arbeiten an Systemen. Und klar, dann können wir sagen, das ist eher verwaltend, weil wir tatsächlich nicht sehr operativ unterwegs sind. Also das ARD-Markenbord setzt sich zusammen aus den Marketingverantwortlichen und Markenverantwortlichen der neuen Landesprüfung einstellen. Und wir sind dafür zuständig, bestimmte Dinge zu organisieren, zu standardisieren, zu führen, die man besser gemeinsam macht und nicht mehr jeder für sich.
Also die ARD hat ja vor der digitalen Revolution praktisch ein gutes Auskommen darin gehabt, sich in ihren Sendegebieten sehr regional auch mit unterschiedlichen Marken, Architekturen und Markenstrategien aufzustellen. Durch die Konvergenz in der Digitalisierung steht jetzt alles irgendwie zueinander im Verhältnis und deswegen versuchen wir das ein bisschen zu organisieren und auch wieder für Orientierung zu sorgen. Im riesigen Portfolio, du hast es ja eingangs genannt, das größte und komplexeste an Medienmarken, was es da in Deutschland gibt.
Und deswegen ist es ja eher ein Verwaltungsjob. Wir sind da nicht sehr operativ. Es gibt auch operative Prozesse, die wir begleiten. Wir beraten, wir bereiten Entscheidungen vor, aber es ist die Arbeit am System und nicht im System.
Martin Busch: Du sprichst von wir, weil es eben neun Landesrundfunkanstalten sind und doch bist du ja der Leiter des Markenboards. Viele Köche in der ARD. Bist du in puncto Markenführung trotzdem eine Art Küchenchef oder muss alles demokratisch abgeschmeckt und abgestimmt sein, bevor es auf den Teller kommt?
Michael Gentsch: Ja, also wir haben in der gesamten ARD ein ganz wichtiges Prinzip. Und das lautet, dass wir die föderale Vielfalt respektieren. Und das bedeutet, dass wir wichtige Entscheidungen, die alle betreffen, auch gemeinsam treffen.
Und insofern ja ein demokratisches System, wobei Demokratie ja sogar bedeuten könnte, dass eine Mehrheit entscheidet. Aber das ist in der ARD bei wichtigen Fragen auch nicht die richtige Lösung, weil wir über neun selbstständige Unternehmen sprechen, die sich in der Arbeitsgemeinschaft versammeln. Und insofern versuchen wir schon, Einstimmigkeit zu erreichen. Und ich bin sozusagen Teil einer kollegialen Führung. Also diese Rolle Leitung Markenbord wechselt auch mit dem jeweiligen ARD-Vorsitz. Ich habe die letzten zehn Jahre das Marketing des Mitteldeutschen Rundfunks geleitet, war da auch schon im Markenbord gewesen und übernehme jetzt eben für zwei Jahre die Leitung im Markenbord und versuche, dort diese Balance zu finden zwischen den übergeordneten Interessen der ARD nach Ambiguierung, nach Stringenz, nach Vereinheitlichung und den föderalen Interessen, den regionalen Interessen, die es in jedem Bundesland gibt.
Martin Busch: Ja, die das ZDF nicht berücksichtigen muss, der andere öffentlich-rechtliche Anbieter, der zentral sozusagen in Mainz sitzt, was ein Vorteil wahrscheinlich ist für die Koordinierung in der Markenführung. Beides eben nicht privatwirtschaftlich organisiert. Du hast mir im Vorfeld gesagt, ihr habt ein anderes Betriebssystem als die privaten. Wie wirkt sich das auf die Markenführung aus?
Michael Gentsch: Ja, also wir unterscheiden uns in verschiedenen Punkten von anderen Medienmarken. Der wichtigste ist sicherlich, dass wir nicht ertragsorientiert sind, sondern gemeinwohlorientiert. Das bedeutet, dass für uns zum Beispiel Reichweite kein Selbstzweck ist. Das bedeutet, dass wir auch Reichweite nicht refinanzieren. Also wir können mit Reichweite nicht unseren Markenaufbau refinanzieren. Wir haben keine nennenswerten Verwertungs- oder Vertriebserlöse, die wir jetzt dem Markenaufbau gegenrechnen können.
Das bedeutet, dass wir auch ein anderes Zielsystem brauchen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wo es eben um sowas geht wie Vertrauen, Bindung, Orientierung, gemeinsam stiften. Das hat dann logischerweise auch Konsequenzen für die Markenpositionierung. Darüber hinaus haben wir auch noch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehr viele regulatorische Vorgaben, die vielleicht auch im privatwirtschaftlichen Bereich nicht so ausgeprägt sind.
Wenn man mal an die vier P des Marketings denkt, mit denen man da normalerweise agieren kann, dann ist das eine P der Plays, also wo werden unsere Produkte überhaupt angeboten. Das ist auch bei uns gesetzlich vorgegeben. Preis, das weiß auch jeder, ist auch eine Festlegung, die wir nicht selber treffen, sondern eine unabhängige Kommission. Das Produkt, das ist logisch, aber auch sehr technisch unabhängig und geschützt. Was dann noch üblich bleibt, ist das vierte P, die Promotion. Da muss man auch sagen, im öffentlich-rechtlichen, da reden wir ungefähr über 1% des Bruttoumsatzes, der bei uns in Kommunikation im weitesten Sinne fließt. Bei Netflix sind es ungefähr 15%. Da gibts schon einige Besonderheiten bei uns.
Martin Busch: Du hast es im Zusammenhang mit der Tagesschau erwähnt. Die nicht-lineare Nutzung nimmt extrem zu. Das Publikum will zeitunabhängig gucken, hören, streamen. Die Ausnahme ist vielleicht das Radio, weil man morgens früh von seiner Lieblingscrew live in den Tag begleitet werden möchte. Aber von wegen Streaming, niemand streamt ja die ARD, Michael, sondern den Tatort zum Beispiel oder Karen Miosga, Rote Rosen. Geht es also mindestens genauso um die Stärkung einzelner Programmmarken?
Michael Gentsch: Ja, absolut. Wir wissen, dass die Bindung der Menschen auf Programmebene am stärksten ist. Es gibt auch diverse Medienforschungsdaten dazu, die dort sehr eindeutig belegen, dass die Menschen an ihr Programm gebunden sind, weil sie sich in dem Programm wiederfinden, weil das Programm ihnen eine Stimme gibt, weil sie sich durch das Programm informiert fühlen, durch das Programm in der Welt besser zurechtkommen. Genau aus dem Grund ist die wichtigste Markenbindung auch die zu den Programmmarken. Wir haben keine Dachmarkenstrategie, weder auf LRA-Ebene noch auf ARD-Ebene.
Wir haben zwar starke Dachmarken, behandeln die aber eher wie ein Endorsement. Wenn man jetzt dieses klassische Spektrum sieht zwischen einer Dachmarkenstrategie und einer Einzelmarkenstrategie, dann sind wir in dem Bereich in der Mitte bei Submarken und Endorsements, wo wir sagen, es ist wichtig, dass die Menschen wissen, dass das ein Angebot der ARD ist oder der jeweiligen Landesrundfunkanstalt. Ganz einfach aus dem Grund, dass praktisch ein gesellschaftlicher Konsens nötig ist, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk von allen bezahlt wird und deswegen auch für alle ein Angebot haben muss.
Und deswegen ist es quasi existenziell, dass die Menschen diese Angebote auch dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zurechnen. Das heißt, wir brauchen diese Anbindung an die Absendermarken, ARD oder die jeweilige LRA. Aber wir können die Vielfalt an Themen, an Regionen, an Genres, die können wir nicht in einer Dachmarkenstrategie abbilden.
Das würde alles komplett verwässern und deshalb bei uns also sozusagen, wie du es beschreibst, auch die Strategie, die enge Bindung ans Produkt, aber immer mit dem Wissen, es handelt sich hier um ein ARD-Angebot beziehungsweise ein Angebot der jeweiligen Landesrundfunkanstalt. Das ist ganz wichtig, diese Absenderkennung, weil letztendlich, wie ich es vorhin sagte, wir werden unsere Existenz nicht dadurch rechtfertigen, dass wir die schiere Reichweite haben, sondern die muss uns auch zugerechnet werden. Ansonsten leidet die Legitimation des Gesamtsystems und deswegen auch diese Wichtigkeit unsere Dachmarken mitzukommunizieren, aber eben als Absendermarken und nicht als die Marken, die für ein konkretes Leistungsversprechen im Radio, im Fernsehen, bei einem Podcast stehen.
Martin Busch: Ja, die ARD ist letztlich schon rein rechtlich sowas wie eine eierlegende Wollmilchsau, muss man ja sagen. Programmmacher neigen vermutlich zum Sowohl-als-Auch, Markenverantwortliche, das wirst du wissen, plädieren eher für das Entweder-Oder, das ist ein tägliches Tauziehen.
Michael Gentsch: Genau, also die Markenführung in der ARD ist an der Stelle wirklich herausgefordert, das muss man sagen, wie du es beschreibst.
Die ganze ARD ist so organisiert aus ihrer Historie heraus, dass Willkür ausgeschlossen wird, dass ausgeschlossen wird, dass einer allein das Sagen hat, dass ausgeschlossen wird, dass irgendetwas wieder gleichgeschaltet werden kann. Das ist praktisch die Entstehungsgeschichte der ARD, schlechthin eine Struktur zu schaffen, die nicht mehr missbraucht werden kann von Einzelnen, wo es einfach sehr viel schwerer ist, dort bestimmte Dinge einheitlich durchzusetzen. Und das ist für das Programm total richtig. Es ist so wichtig, dass wir für jedes Bundesland eigene Nachrichtenmagazine haben. In der Markenführung stellt sich die Frage, ob wir für jedes Bundesland eine eigene Markenstrategie brauchen. Und da kollidieren natürlich diese Logiken miteinander, wo man sich dann fragen muss, wie sehr tragen dann einzelne markenstrategische Fragen dazu bei, dass der Markenkern der ARD gewahrt bleibt, also diese Nähe, diese regionale Verankerung.
Und wie sehr stehen sie aber gleichzeitig einer stringenten Markenführung im Wege, weil wir nur noch Unterschiedlichkeit koordinieren und keine Gedächtnisspuren hinterlassen können, weil wir einfach viel zu wenig Muster ausbilden und deswegen auch die Menschen, die ARD, nicht so richtig erkennen können, greifen können, begreifen können. Und das auszubalancieren, das ist bei uns besonders schwierig, weil wir eben keine Top-Down-Organisation haben, sondern wie eingangs gesagt, jede einzelne Frage gemeinsam beraten und dann auch gemeinsam entscheiden müssen.
Martin Busch: Ja, zum Markenkern gehört im Bereich Information sicherlich auch die Glaubwürdigkeit, die seit Jahrzehnten eben in der Wahrnehmung der Menschen größer ist als bei anderen Medienangeboten, auch wenn das immer schwieriger wird, diesen Vorteil zu bewahren. Wir müssen natürlich auch über KI sprechen, Michael. Wie bewertest du die jüngsten Entwicklungen? Sind diese faszinierenden, teilweise aber eben auch verstörenden Möglichkeiten vor allem Fluch für die Marke ARD und die Markenführung oder auch ein bisschen Segen?
Michael Gentsch: Es ist beides. Es ist beides und ich weiß noch nicht, was überwiegt. Ich hoffe natürlich, da bin ich optimistisch, dass die positive Seite überwiegt, zu der ich auf jeden Fall zählen würde, dass wir uns in der beschriebenen Situation als vertrauenswürdige Anbieter von gesicherten Informationen auch direkt im Wettbewerb zu diesen KI-Agenten positionieren können, dass wir es schaffen, mit starken Marken, die top of mind sind, auch top of machine zu werden. Dass wir es vielleicht sogar schaffen, dass die Menschen die KI nach uns fragen und nicht einfach nur nach Nachrichten, sondern dass die schon den Unterschied machen und uns als Quelle quasi auch weiterhin wertschätzen, selbst wenn sie die Fragen sich durch KI beantworten lassen. Und ich glaube auch, dass KI ein Segen sein kann bei vielen Dingen, die im Markenmanagementprozess oder im Kommunikationsprozess sehr viel Arbeit bisher verursacht haben. Analysen oder Adaptionen von Marketingassets oder die Distribution von Inhalten bis hin zu Evaluationsfragen. Also da kann KI, finde ich, durchaus ein Segen sein.
Aber natürlich auch Fluch. Ja, das gehört auch dazu. Die sind logischerweise eine neue Barriere für uns. Die stehen jetzt zwischen uns und dem Publikum. Teilweise, und das zeigen ja auch jüngste Studien, enthalten sie auch falsche Aussagen, die uns dann zugerechnet werden. Die halluzinieren nicht nur Inhalte, sondern auch Quellen. Und das ist natürlich für eine Marke eine Katastrophe, gerade für eine, die auf Vertrauen basiert. Und sie sind auch ein Stück weit Fluch, weil wir im Marketing alle eine neue Sprache lernen müssen, die sehr anders ist als unsere Sprache bisher.
Bisher war Markenführung das Adressieren von Emotionen. Wir haben versucht, Geschichten zu erzählen. Wir haben versucht, positive Vorurteile in den Köpfen der Leute zu erzeugen. Wir haben dort die Menschen versucht zu berühren. Und die Maschinen, die wollen nicht berührt werden. Die wollen strukturierte Daten, die wollen vollständige, präzise Informationen. Die wollen letztendlich völlig unemotional, rational, technologisch angesprochen werden. Und das Markenbild von denen ist eben nicht ein psychologisches, so als Vorurteil in den Köpfen, sondern das Markenbild einer KI, das ist ein extrem fundiertes, auch empirisch fundiertes, weil wir letztendlich permanent verifizieren, ob das, was die Marke über sich selber sagt, auch in allen Kommentaren, in allen Presseartikeln, in allen Forumsbeiträgen, überall auch so bestätigt wird. Also nie mussten sich Marken dort einem härteren Urteil stellen als in der KI-Welt, weil sich jedes Markenversprechen letztendlich in Echtzeit überprüfen lässt durch die enorme Menge an Daten.
Und das ist natürlich auch gewisserweise ein Fluch für eine Markenführung, die eher auf die Köpfe der Leute gezielt hat und auf deren Vorstellungsbilder. Und dem muss man sich jetzt in der Markenführung definitiv stellen und braucht auch noch ein paar Ideen.
Martin Busch: Wird durch die Zunahme von künstlicher Intelligenz und zunehmenden Bedeutungen von Algorithmen die direkte Begegnung zwischen Markenakteuren und Kunden wichtiger? Also ist das vielleicht auch eine Möglichkeit, dass man einfach losgelöst vom Programm versucht, die Menschen in Echt zu treffen, leibhaftig, oder eben auch live vor Ort Programme zu generieren?
Michael Gentsch: Definitiv. Also ich würde das so die analoge Abkürzung nennen, da sein, wo die KI nicht hinkommt. Also definitiv. Ich glaube an eine Renaissance von Events.
Ich glaube an eine Renaissance von Out-of-Home-Werbung, klassischer Out-of-Home-Werbung, weil es für Marken wichtig sein wird, in kulturell oder emotional aufgeladenen Kontexten unmittelbare Beziehungen zum Publikum zu haben, weil das tiefe Gedächtnisspuren hinterlässt und weil das im besten Fall dann auch, wenn die wieder in ihrer digitalen Welt sind, dazu führt, dass wir sozusagen direkt angesteuert werden oder wenn wir vermittelt durch KI angesteuert werden, man sozusagen den Inhalten mit unserem Absender mehr vertraut. Dass man sie präferiert, schon in der Suchanfrage oder dann eben bei der Auswahl der Ergebnisse. Also ich glaube da fest dran, dass es diese analoge Abkürzung braucht und dass die auch funktioniert. Das ganze Thema haptische Kommunikation übrigens, also nicht nur Events und Out-of-Home, sondern auch haptische Kommunikation, das wird wichtiger. Gerade für Medienmarken, die letztendlich ja immateriell sind. Man kann uns eben nicht in die Tasche stecken, mitnehmen, anfassen. Für die ist es noch wichtiger.
Martin Busch: Michael, zum Schluss geht es um die eigene mediale Sozialisation. Welche Medienmarke fällt dir spontan ein, wenn du an deine Kindheit denkst?
Michael Gentsch: Ich bin ja bis zum Alter von 14 Jahren in der DDR mediensozialisiert worden. Und deswegen werde ich jetzt wahrscheinlich zwei Sachen sagen, die nicht so viele kennen. Das eine ist DT64 und das andere 1199. DT64 war Jugendradiosender in der DDR und 1199 ein TV-Magazin. Die beiden haben mich definitiv in dieser jugendlichen Phase begleitet. Und aus meinem Elternhaus kenne ich noch als dritte Medienmarke, die mir noch sehr bedeutsam in Erinnerung geblieben ist, den Eulenspiegel. Das ist so eine Art Titanic-Magazin. In der DDR war das die einzige Satire-Zeitschrift und das war schon so ein bisschen das Ehrlichste, was man an Medien konsumieren konnte, weil die eben unter dem Schutz der Satire einfach auch andere Dinge ansprechen konnten und die Dinge auch anders angesprochen haben, als es ansonsten in den Medien möglich war. Also der Eulenspiegel hatte damals eine riesen Bedeutung und ist mir noch als solches Medium sehr gut im Gedächtnis.
Martin Busch: Und gab es bis zur Wiedervereinigung auch einen Lieblingsmoderator oder Moderatorin in der ehemaligen DDR?
Michael Gentsch: Also ganz ehrlich, ich erinnere mich nicht mehr. Wie gesagt, ich war 14.
Martin Busch: Und später dann im Westfernsehen ist da irgendjemand gewesen, wo du gesagt hast, wow.
Michael Gentsch: Anfang der 90er war ich ein großer Fan von RTL Samstagnacht.
Mirco Nontschew, Wigald Boning, Olli Ditscher.
Martin Busch: Olli Dittrich.
Michael Gentsch: Olli Dittrich, genau, Ditsche. Ja, also das ist sozusagen die erste personifizierte Erinnerung.
Martin Busch: Und was sind deine drei Top-Medienmarken im Moment, die eigene ausgenommen?
Michael Gentsch: Drei Top im Moment… – also ich bin gerade ein Riesen-Fan vom Postillon, also ein Online-Satire-Magazin, was jetzt den wahnsinnigen Schritt unternommen hat, schon die zweite Print-Ausgabe herauszubringen. Und sozusagen versucht, Internet-Online-Kultur als Zeitung zu machen. Finde ich wahnsinnig spannend und bin Abonnent seit der ersten Ausgabe und ein großer Fan davon. Außerhalb der ARD, da fällt mir noch die heute-show ein. Auch etwas, was ich schätze und jetzt habe ich schon zwei Satire-Magazine genannt.
Martin Busch: Stimmt, das ist auffällig. Eulenspiegel, Postillon, heute-show.
Michael Gentsch: Dann sage ich jetzt mal, dass ich auch noch Spiegel-Abonnent bin. Auch wenn mir das nach der Titelgeschichte schwerfällt, an der Stelle öffentlich zuzugeben, bin ich auch Spiegel-Abonnent.
Martin Busch: Medienmarken sind und müssen es heutzutage wohl mehr denn je sein? Ein Qualitätssiegel, das war Medienmarken in Zeit, heute mit Michael Gensch, dem Leiter des ARD-Markenbord. Michael, danke für das Wertvollste, das du neben deiner Gesundheit hast. Danke für deine Zeit!
Michael Gentsch: Hat Spaß gemacht, vielen Dank.
Martin Busch: Grüße gehen raus an alle, die uns hören. Erzählt es gerne anderen, wenn es euch gefallen hat. Ich bin Martin Busch, bis bald.
Ein Podcast von Martin Busch & Brandmeyer Markenberatung

Dr. Martin Busch ist Moderator, Redakteur, Autor und Experte für Medienmarken. Seit Mitte der 90er Jahre ist er für den Hörfunk tätig, hat die ARD-Infonacht moderiert und zählt schon lange zu den bekannten Stimmen von Radio Bremen.